Hochschulkooperation – eine Kür- oder Pflichtübung?

Der demografische Wandel bringt diverse Herausforderungen mit sich, sei es nun eine alternde Belegschaft, die steigende Bedeutung von Wissensmanagement oder die längere Lebensarbeitszeit, bei der in Zukunft die Gesundheit der Mitarbeiter im Fokus stehen wird. Nicht zu vergessen ist der geringere Rekrutierungsspielraum (Fachkräftemangel), mit dem sich Personaler immer häufiger beschäftigen müssen.

Außergewöhnliche Herausforderungen führen zu außergewöhnlichen Maßnahmen

Neu ist jedoch der Weg der Hochschulkooperation nicht – und außergewöhnlich sowieso nicht. Was in den U.S.A selbstverständlich ist, steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (iwd) Köln hat kürzlich – bundesweit und am Beispiel des Bundeslands Hessen – untersucht, wie Berufsbildung und Studium heute verknüpft werden und welche Ausbildungskooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen existieren. Dabei hat es festgestellt, dass über 64,1% aller Unternehmen eine Hochschulkooperation nur eingehen, um für Bewerber eine praxisnahe Hochschulausbildung in Form eines dualen Studiengangs anbieten zu können. 64,1% – das klingt verrückt!

Das ist als würden 64,1% der deutschen Bevölkerung einen Golf fahren und blind für alle anderen Autos auf dem deutschen und internationalen Markt sein. Und wenn sie auf der Autobahn einen Porschefahrer entdecken, der links an ihnen vorbei rast, dann käme die Ausrede: „Na ja, das Benzin ist so knapp (Fachkräftemangel), deswegen fahre ich lieber einen Golf und investiere regelmäßig in die Werkstatt (Maßnahmen, wie Headhunter engagieren oder teure Ausschreibungen mitmachen)!“ So ein Quatsch!

An alle CEO’s Großunternehmen und große Mittelständler, vor allem an jene, die noch nicht ein eigenständiges Programm zur Hochschulkooperation haben oder nur alibiweise eine Kooperation eingehen, um einen dualen Studiengang anbieten zu können: „Aufwachen, umsteigen oder im Schritt-Tempo weitermachen – aber Golf fahren macht keinen Sinn mehr!“

In Zeiten des Fachkräftemangels macht es jedoch durchaus Sinn, als Unternehmen auch die Möglichkeiten der Hochschulkooperation in ihren verschiedensten Formen in Betracht zu ziehen. Welche Möglichkeiten bietet mir eine Hochschule und wie können Sie sich als Unternehmen einbringen? Welche Vorteile gibt es und welche Gefahren drohen? Das sind Fragen, mit denen sich ein Unternehmen beschäftigen sollte. Doch vor allem mit einer Frage: Welches Ziel verfolgt Ihr Unternehmen? Wollen Sie die besten Studenten frühzeitig an Ihr Unternehmen binden, um kostengünstig an Mitarbeiter heranzukommen? Oder möchten Sie bei innovativen Projekten der Universitäten ganz vorne dabei sein, um deren Ergebnisse dann mit Ihrer Hilfe als Produkt zu vermarkten – und somit in Ihrem Unternehmen das Feld Innovations-Management auf ein neues Level zu bringen?

Möglichkeiten einer Hochschulkooperation gibt es viele – hier ein paar gängige Beispiele:

  1. Dualer Studiengang
  2. Finanzielle Unterstützung von Forschung und Lehre
  3. Material und strukturelle Unterstützung von innovativen Forschungs-projekten
  4. Stellen eines Gastdozenten
  5. Rekrutierung / Image-Veranstaltungen
  6. Planspiele
  7. Wettbewerbe / Workshops
  8. Spezifische Weiterbildungsmaßnahmen

Schauen wir uns mal jeden Punkt etwas genauer an.

Vorteile eines dualen Studiengangs:

An alle Unternehmen, die noch keine Hochschulkooperation im Sinne des dualen Studienganges eingegangen sind – sichern Sie sich praxisnah und an Ihrem Unternehmen orientierten qualifizierten Nachwuchs. Ausbildungsintegrierte Studiengänge ermöglichen eine ganzheitliche Vertiefung des Fachwissens durch die berufliche Anwendung. Des Weiteren kann die Motivation der Studierenden durch die Einbindung in den Betrieb gesteigert werden. Wenn die soziale Einbindung der Studenten erfolgreich ist, wird meist auch eine kostenintensive Einarbeitung von qualifizierten Nachwuchskräften überflüssig. Die Studenten sind in ihrer Funktion als neue Mitarbeiter meist hoch motiviert, verfügen über eine hohe Problemlösekompetenz und können sich flexibel auf geänderte Markt- und Rahmenbedingungen einstellen. Sie sind vor allem leidensfähig. Und natürlich sollten Sie als Unternehmen diese Form der Ausbildung als Instrument zur Optimierung der Personalplanung und -entwicklung einsetzen. Unabhängig davon, können Sie sogar die Lehrinhalte selbst mitbestimmen.

Finanzielle Unterstützung von Forschung und Lehre

Eine Unterstützung von Forschung und Lehre könnte in Ihrem Sinne sein. Denken Sie doch nur mal an die Kosten, die Sie in Ihrem Unternehmen haben, wenn Sie ein neues Produkt entwickeln oder sich eine neue Dienstleistung ausdenken. Also beteiligen Sie sich doch an den Universitäten, die jene Mitarbeiter ausbilden, die für Sie im Anschluss interessant sein könnten. Unterstützen Sie doch innovative Forschungsprojekte – auch finanziell. Dadurch können Sie später eventuell auch die Forschungsmitarbeiter an Ihr Unternehmen binden. Des Weiteren können Sie wahrscheinlich auch Einfluss auf die Forschungsinhalte nehmen. Wenn auch nur bedingt! Doch am Ende haben Sie einen Image-Vorteil gegenüber Ihren Konkurrenten, denn diese Studenten werden sicherlich Ihren „Firmen-Namen“ nicht so schnell vergessen, sondern positiv in Erinnerung behalten.

Material und Strukturelle Unterstützung von innovativen Forschungsprojekten

Sie haben nicht genug Kapital um ein Forschungsprojekt zu unterstützen? Sie möchten jedoch auf diese Option nicht verzichten? Dann treten Sie doch selbst ein Forschungsprojekt los. Besprechen Sie Ihre Idee doch mal mit dem Professor an der Universität. Helfen Sie bei der Organisation der Fördermittel und stellen Sie Ihr Wissen und Ihre Struktur hierfür zur Verfügung (Räume, PC, Software, Knowledge). Darüber hinaus können Sie auch noch einige Bedingungen stellen, zum Beispiel dass Sie das Studenten-Team staffen. Die besten studentischen Mitarbeiter können Sie später sogar in eigene Innovationsprojekte einladen. Auf diese Weise binden Sie junge hoch motivierte Mitarbeiter frühzeitig an Ihr Unternehmen.

Stellen eines Gastdozenten

Nutzen Sie die Chance und ernennen Sie einen Ihrer Mitarbeiter als Gastdozenten. Der Mitarbeiter sollte am besten mindestens einmal im Monat durch die Bundesrepublik reisen und an Universitäten etwas zu „Ihrem Fachthema“ vor fachkundigem Publikum, nämlich den Studenten, präsentieren. Somit kann er etwas Praxisnähe in den ohnehin theoretischen Universitätsalltag bringen. Ihr Wettbewerbsvorteil liegt auf der Hand: Reputationsgewinn – fast kostenlos.

Rekrutierung / Image-Veranstaltungen

Machen Sie auf sich aufmerksam wie es schon hunderte andere Unternehmen tun – organisieren Sie in Absprache mit der Universität Rekrutierungsveranstaltungen. Laden Sie dazu entweder Studenten ein oder gestalten Sie die Veranstaltung wie eine Messe. Lassen Sie die Studenten auf Sie zukommen. Informieren Sie die Kandidaten über Ihr Unternehmen und über die Möglichkeiten, die Ihr Unternehmen den Studenten bieten kann. Nehmen Sie interessierte Studenten in Ihrer Kartei auf und versäumen Sie es nicht, nach dem Small Talk die Kontaktdaten der Studenten zu speichern! Ich konnte gerade dieses Jahr auf der Cebit beobachten wie Personaler von Unternehmen mit vielen interessanten Kandidaten gesprochen haben, um sich dann mit einem Händedruck und einem Lächeln zu verabschieden. Als ich den verantwortlichen Personalmitarbeiter darauf ansprach, teilte er mir mit, dass sich der betreffende Student schon melden werde, sofern er Interesse habe! Schön, dass es auch noch Optimisten in einem Markt gibt, in dem es um Angebot und Nachfrage geht. Mit dem Unterschied, dass es weniger Angebot als Nachfrage gibt – und der Personaler auf der Seite derer steht, die nachfragen! Wenn man so mit potentiellen zukünftigen Mitarbeitern umgeht, ist es kein Wunder, dass das Unternehmen über 400 offene IT Positionen hat.

Planspiele

Entwickeln Sie doch mal ein Planspiel und spielen Sie mit dem Studenten eine Situation durch, die auch für Sie interessant sein würde. Sehen Sie wie kleine Teams zusammenarbeiten, welche Entscheidungen Sie treffen und lassen Sie sich dies auch dokumentieren, damit Sie verstehen wie die Teilnehmer denken. Verknüpfen Sie das Planspiel mit attraktiven Preisen und lassen Sie sich CVs zukommen. Nachdem Sie verstanden haben wie die Teilnehmer ticken, können Sie so vielleicht einen Student, trotz seiner schlechten Noten, als Ihren Traummitarbeiter identifizieren – zum Beispiel weil dieser Student die notwendigen Skills mitbringt, die sich Ihre Vertriebs-, Personal-, Marketing-, Finanz-, oder IT-Abteilungen schon so lange wünschen, nicht zu vergessen der Bereich Forschung und Entwicklung.

Wettbewerbe

Wieso initiieren Sie nicht mal einen Wettbewerb? Sie kennen das doch aus der Schule: das Kind, das am schönsten die Sonne zeichnet, bekommt einen Preis. Jetzt ersetzten Sie die Sonne durch Ihr Szenario! Ein Beispiel: Wettbewerb für Informatiker – lassen Sie die Informatiker in Zeit X ein Produkt Y entwickeln und diese Entwicklung dokumentieren! Das beste Produkt wird dann zum Serienprodukt verarbeitet. Und Sie haben einen Haufen talentierter Mitarbeiter, die Sie wahrscheinlich alle gebrauchen könnten. Natürlich ist die Vorraussetzung für die offizielle Teilnahme der Studenten das Einsenden ihrer CVs im Vorfeld des Wettbewerbs. Nun bedenken Sie doch mal die Situation! Sie haben mehr CVs als Ihnen lieb ist, des Weiteren haben Sie ein neues Produkt und wie viel hat es Sie gekostet? 2000 € Preisausschreiben! Und wenn Ihnen das zu viel ist, dann organisieren Sie doch mal einen Workshop, laden die Studenten gleich vor Ort ein, lernen Sie kennen und können gleich mal schnuppern, wie es ist mit denen zusammenzuarbeiten.

Spezifische Weiterbildungsmaßnahmen

Sie sind ein Unternehmen, das immer selbst ausbilden muss, da Ihre Dienstleistung ein spezielles Know How erfordert? Dann bieten Sie doch für ausgewählte Studenten ein spezifisches Weiterbildungsseminar an! Natürlich kostenlos. Begeistern Sie diese Studenten für das Experten- wissen und starten Sie eine ganze Reihe von Weiterbildungsangeboten.

Die Gefahr lauert überall!

Nun ist nicht alles Gold, was glänzt und nicht alles ist Wasser, nur weil es irgendwo tropft. Auch hier gilt es durchdacht vorzugehen. Es gibt nichts Schlimmeres für ein Unternehmen wie Imageschaden! Es funktioniert nicht immer getreu dem Motto „bad news are good news“.

Stellen Sie sich bloß mal vor, Sie haben einen Gastdozenten, bei dem die Studenten einschlafen, weil er selbst so begeistert von den internen Themen Ihres Unternehmens ist, dass er ganz vergisst in die reale Welt aufzutauchen! Also schicken Sie bloß keinen Fachidioten ohne emotionale Intelligenz an die Uni – und bitte auch keinen Selbstbeweihräucherungs-Experten! Davon gibt es an der Uni schon genug, siehe manche Professoren oder Hilfsdozenten.

Das Rundum-Konzept ist wichtig

Machen Sie bitte auch nicht den Fehler und vergeben Sie die Preise für Ihr Planspiel, ohne dieses dann zu analysieren und die CVs strukturiert einzuordnen – ein Rundum-Konzept ist wichtig!

Das ist auch das Stichwort für alle weiteren Programme! Sie brauchen ein Rundum-Konzept! Sie benötigen einen Plan, vor allem jedoch jemanden, der sich um so etwas kümmert. Und da kommen wir auch schon zur Frage welche Unternehmen so etwas aufsetzen können. Meine Antwort: Unternehmen jeder Größe sollten mit Universitäten kooperieren. Nun müssen die ganz kleinen Unternehmen nicht alle Programme durchführen, aber ein paar Punkte kann auch ein Zehn-Mann-Betrieb umsetzen. Denn nicht jeder Student will bei einem Konzern anfangen! Auch ein Angebot zum dualen Studiengang erfordert viel Zeit und sorgfältige Planung.