Indien – Ein guter Standort für deutsche Firmen?

Noch vor wenigen Jahren als „typisches“ Entwicklungsland wahrgenommen und bestenfalls mit heiligen Kühen, Zugunglücken, Kinderarbeit, Epidemien, Armut und Witwenverbrennung assoziiert, ist Indien nunmehr gleichsam kometenhaft zum „Star“ der Weltwirtschaft aufgestiegen.

Indien dominiert die Wirtschaftsschlagzeilen der großen Magazine; kaum ein Magazin, das nicht in den letzten Monaten seinen Ausgaben einen „Indien-Sonderteil“ beigab.

In unzähligen Veranstaltungen wird die immer gleiche frohe Botschaft vom Wunderland Indien verkündet: Die größte Demokratie der Welt, kaufkräftige Konsumenten, gigantisches Wirtschaftwachstum ohne Ende und dergleichen mehr!

Falsche Berichterstattung führt zu Über-Euphorisiierung

Warnende Zwischentöne erfahrener Indienkenner, gehen in diesem Konzert unter. So darf es nicht verwundern, dass so mancher Unternehmer überschnell nach Indien geht, um dann vor Ort von den indischen Unwägbarkeiten überrascht zu werden.

Aber wen interessiert das schon, wenn doch der indische Markt anscheinend so unendlich groß sein soll. Und hier liegt die Gefahr: Die falsche Berichterstattung über die Größe des indischen Marktes kann zu einer unangemessenen „Über-Euphorisierung“ der Unternehmen führen. Kurz: Es lohnt sich mehr denn je zu überprüfen, welche Informationen stimmen und welche nicht.

Der aufgewachte Elefant

Galt Indien jahrzehntelang als „schlafender Elefant“, scheint sich der Subkontinentalstaat nun aufgemacht zu haben, einen wichtigen Part in der zukünftigen globalen Wirtschaftswelt zu spielen. Schon mehren sich die Optimisten, die in Indien als „die nächste Wirtschaftssupermacht“ erkannt haben und Indien langfristig noch vor China sehen. Und so entwickelt sich auch beim deutschen Mittelstand immer mehr Überzeugung, in Indien dabei sein zu wollen und zu müssen. Spätestens seit der Hannover Messe 2006, auf der Indien das offizielle „Partnerland“ war, hat das deutsche Interesse an Indien in enormer Weise zugenommen.

Was macht Indien als Standort, als Absatz- und Beschaffungsmarkt so interessant?

  • Mit den Wirtschaftsreformen seit 1991 hat Indien den Weg hin zu einer Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild eingeschlagen. Der Zugang zu Indien ist für ausländische Investoren, ausländisches Kapital oder ausländische Produkte so einfach wie niemals zuvor.
  • Indien gehört, ohne Frage, zu den größten zukünftigen Absatzmärkten der Welt. Bereits heute wird der indische Markt vorsichtig auf ca. 120-150 Mio. kaufkräftige Einwohner geschätzt. Damit wäre der indische Markt heute schon so groß wie der von Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zusammen.
  • Es wird erwartet, dass der Absatzmarkt vorsichtig geschätzt bis zum Jahr 2010 auf bis zu 300 Mio. kaufkräftige Einwohner anwachsen wird.
  • Die Kaufkraft dieses Marktes ist in den letzten Jahren bedeutend gewachsen. So stiegen die Konsumausgaben der indischen Bevölkerung zwischen 1994 und 2000 um ca. 80% und hat sich die reale Kaufkraft der Bevölkerung in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Allgemein wird mit einem Anhalten dieser Entwicklung gerechnet.
  • Es gibt ein beeindruckendes Reservoir von hervorragend ausgebildeten indischen Fach- und Managementkräften, davon viele mit Abschlüssen renommierter Hochschulen in z.B. Großbritannien und den USA. Die zur Anwendung kommenden Lohn- und Gehaltskosten sind vergleichsweise niedrig und damit im internationalen Vergleich äußerst attraktiv.
  • Die Sprache in Wirtschaft und Wissenschaft ist Englisch.
  • In Indien existiert ein entwickelter Finanz- und Kapitalmarkt.
  • Das Land besitzt eine über 55 Jahre andauernde demokratische Tradition.

Zwar mag aus der Größe des indischen Marktes die Verlockung resultieren, den Markteintritt im Wettbewerb mit lokal hergestellten und vergleichbaren Produkten aufzunehmen. Die Chance mit den so genannten „me too-Produkten“ erfolgreich zu sein, ist aber absolut minimal.

Ein klar vorhandener „Mehrwert“ ist unerlässlich. Nur so kann man die Bedingungen des Auftritts im Markt selber bestimmen und vermeiden, sich unattraktiven indischen Konditionen anpassen zu müssen.

Sollten ein Unternehmen nun zu dem Schluss kommen, dass es in Indien ein entsprechendes Potenzial für seine Produkte gibt, gilt es sich nun auf Indien vorzubereiten, denn trotz der Chancen und Vorteile ist das indische Geschäftsumfeld durchaus problembehaftet, vor einer übermäßigen Euphorie und übergroßen Erwartungshaltung muss unbedingt gewarnt werden:

Die Nachteile

  • Korruption und Vetternwirtschaft ist Teil des gesamten Systems, zumeist in Form so genannter „Special Fees“, „Kick Back Zahlungen“ oder „Speedmoney“.
  • Die Bürokratie ist komplex und nicht selten auch durch Korruption und Willkür geprägt.
  • Es gibt zwar ein transparentes indisches Rechtssystem, das stark dem britischen ähnelt. Allerdings können die Gerichtsverfahren sehr lange dauern – Rechtsverfahren von sieben oder zehn Jahren sind keine Seltenheit.
  • Die Bedeutung von „Beziehungen“ ist in Indien besonders groß. Dieses gilt vor allem für Beziehungen zwischen Unternehmen, Inhaberfamilien und Netzwerken. Dieses kann dann zum Problem werden, wenn Ihnen trotz Produktvorteilen der Marktzugang aufgrund fehlender Kontakte oder fehlender Einsicht in die Beziehungsnetzwerke Ihrer Branche erheblich erschwert wird.
  • Das Zollsystem ist immer noch hochgradig kompliziert, korrupt und die Zollsätze trotz einer deutlichen Abnahme in den letzten Jahren immer noch überdurchschnittlich hoch.
  • Und vor allem: Indien ist nach wie vor ein Entwicklungsland, einhergehend mit infrastrukturellen Defiziten (insbesondere Logistik).