Wie mobil sind die Deutschen?Leitfigur der Moderne ist das »mobile Subjekt« flexibel, ungebunden, leistungsorientiert. Mobilität und Mobilsein eröffnen Chancen, bergen aber auch Risiken. Damit verbunden sind Belastungen, die die psychische und physische Leistungsfähigkeit der mobilen Beschäftigten nachhaltig beeinträchtigen können, auch zu Lasten ihrer Produktivität am Arbeitsplatz. Eine moderne Personalpolitik wird in Zukunft Antworten finden müssen, wie mobilitätsinduzierte Belastungen der Beschäftigten vermindert und damit auch ihre Produktivität gesteigert werden kann. Im Vergleich mit ihren europäischen Nachbarn weist die Bundesrepublik Deutschland eine etwas höhere Mobilitätsdynamik auf. Im Vergleich mit den USA ist die Mobilität jedoch geringer. In Deutschland und Europa dominiert eine Mobilitätskultur, die mehr auf Sesshaftigkeit denn auf Mobilität ausgerichtet ist. Das Hauptmerkmal der Mobilitätskultur in Deutschland und Europa ist eine ausgeprägte Heimatverbundenheit. Die Deutschen sind mobilitätsbereit, wenn es darum geht, von einem angestammten Wohnort aus zu pendeln oder für eine begrenzte Zeit an einem anderen Ort tätig zu sein. Wenn es aber darum geht, aus beruflichen Gründen umzuziehen, ist die Bereitschaft dazu eher gering. Hemmend auf die Umzugsbereitschaft wirkt sich zudem das föderale System der Bundesrepublik aus, das wegen unterschiedlicher Schulsysteme und wegen teilweise fehlender Anerkennung beruflicher Qualifikationen einen Wohnortwechsel zwischen Bundesländern für Familien oftmals erschwert. Auch die für Deutschland typische Vereins- und Stammtischkultur macht es nicht einfach, sich an einem neuen Ort zu integrieren. Diese Gemeinschaften sind auf Tradition und Beständigkeit ausgerichtet und nicht auf Fluktuation. Anders ist die Situation in den USA. Viele Amerikaner fiebern nach Aufbruch. Mit »Aufbruch« konnotiert ist vornehmlich ein »auf zu neuen Ufern« und ein »bloß weg von hier«. In Deutschland dagegen empfinden viele einen Aufbruch als notwendiges Übel und als Verlust lieb gewonnener Lebensumstände. Mobilität und Mobilsein sind Schlüsselkategorien der Moderne mit hoher Ambivalenz. Während die positiven Folgen beruflicher Mobilität in letzter Zeit mehr und mehr Beachtung gefunden haben, blieben ihre negativen Begleitumstände für die Beschäftigten und für ihre Familien bislang weitgehend unberücksichtigt. Dabei wirken sich die Mobilitätserfordernisse nachhaltig auf die individuelle Lebensführung und auf das psychische und physische Wohlbefinden aus. Dauerhafte und intensive Mobilitätserfordernisse lösen die Menschen aus ihren sozialen Bindungenund haben schwerwiegende Folgen für das mobile Subjekt, seinen Partner und die Kinder s. Kasten unten. Studie »Berufsmobilität und Lebensform« Die Studie »Berufsmobilität und Lebensform - Sind berufliche Mobilitätserfordernisse in Zeiten der Globalisierung noch mit einem herkömmlichen Familienleben vereinbar?« [4], ist vom Bundesfamilienministerium und vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung finanziert und an der Universität Mainz in Kooperation mit dem Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg durchgeführt worden. Ausgewählte Ergebnisse dieses Projekts im Hinblick auf die Folgen von Mobilität werden in diesem Beitrag im Hinblick auf die Mobilitätsfolgen dargestellt und interpretiert. Die zentralen Fragestellungen der Studie waren: Wie gehen die Menschen mit beruflichen Mobilitätserfordernissen um? Welche Lebensformen entstehen unter dem Druck wachsender beruflicher Mobilitätserfordernisse? Was sind die Konsequenzen der Mobilität für die Beschäftigten und für ihre Familien? Was kann die Politik und was können Unternehmen tun, um die Mobilitätsbereitschaft der Beschäftigten zu erhöhen und die mobilitätsbedingten Belastungen zu reduzieren? Befragt wurden berufstätige oder in Ausbildung befindliche Personen zwischen 20 und 59 Jahren mit oder ohne Kinder, die in einer partnerschaftlichen Beziehung leben sowie ihre Partner beziehungsweise Partnerinnen. Personen ohne Partner, das heißt Singles und Alleinerziehende, wurden nicht befragt. Insgesamt wurden 901 Interviews mit mobilen Menschen und mit deren Lebenspartnern sowie 194 Interviews mit nichtmobilen Menschen und deren Partnern in der gesamten Bundesrepublik geführt. Studie »Job Mobilities and Family Lives in Europe« Im Mittelpunkt dieser Studie [3], die bis 2008 aus Mittel des 6. EU-Forschungsrahmenprogramms finanziert wurde, standen, neben Ursachen und Folgen von Mobilität, vor allem die Fragen nach der beruflichen Mobilitätsbereitschaft und nach der Verbreitung und Vielfalt beruflicher Mobilität in sechs europäischen Ländern Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen, Schweiz und Belgien. Befragt wurden circa 7.250 Menschen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren nach ihren bisherigen und gegenwärtigen Mobilitätserfahrungen. In Deutschland nahmen 1.663 Personen an der Untersuchung teil. Ausgewählte Ergebnisse dieser Untersuchung werden hier vor allem im Hinblick auf die Verbreitung beruflicher Mobilität präsentiert. Im Zusammenhang mit den deutlich gestiegenen beruflichen Mobilitätserfordernissen beginnt sich in Europa eine beachtliche Gegenbewegung zur kompletten Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt zu formieren. Eine Bewegung, die darauf zielt, den Einzelnen nicht nur als Funktionsträger im Betrieb, sondern als Person mit Verantwortung für eine Familie und die eigene Gesundheit zu respektieren. Eine ausgewogene Balance zwischen Berufsarbeit, Familie und Privatleben scheint einer wachsenden Zahl besonders der hoch qualifizierten Beschäftigten wichtiger zu werden. Eine Entwicklung, auf die sich die Personalpolitik in Unternehmen gerade auch im Hinblick auf die Folgen des demografischen Wandels zunehmend einstellen muss. Zielsetzungen und Befunde der beiden StudienDrei zentrale ForschungsthemenWelche Mobilitätsbereitschaft und welche Mobilitätserfahrungen haben die Beschäftigten in Deutschland und in Europa? Folgende Fragen stehen hierbei im Zentrum: - Wie viele Menschen sind aus beruflichen Gründen mobil und in welchen Formen sind sie es?
- Wer ist mobil und wer zeigt keine Bereitschaft?
- Wie entsteht Mobilität und welche individuellen und gesellschaftlichen Faktoren beeinflussen das Mobilitätsgeschehen?
Wie sind Beruf, Mobilität und Familie in Zeiten erhöhter Mobilitäts-erfordernisse vereinbar? Von besonderem Interesse sind hier die Fragen: - Welche mobilitätsinduzierten Belastungen entstehen bei mobilen Personen und ihren Partnern?
- Beeinträchtigen berufliche Mobilitätserfordernisse das Familienleben?
- Stellt Familie eine unüberwindliche Mobilitätsbarriere dar?
- Welche Folgen hat Mobilität für die Gesundheit und das subjektive Wohlbefinden?
Welche Möglichkeiten haben Politik und Unternehmen, um Einfluss auf die Mobilitätsbereitschaft und auf die mobilitätsbedingten Folgen zu nehmen? Hier geht es um die Fragen: - Was können Politik und Wirtschaft tun, um die Mobilitätsbereitschaft der Beschäftigten zu beeinflussen und geeignete Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Gestaltung und Vereinbarung des Arbeits- und des Familienlebens zu schaffen?
- Wie können Unternehmen mobilitätsinduzierte Belastungen reduzieren und eine »Win-Win-Konstellation« für sich und die Beschäftigten gestalten?
Formen der MobilitätIm Blickpunkt der Studie »Job Mobilities and Family Lives in Europe« stehen alle Formen beruflicher Mobilität, wobei zwei prinzipielle Arten zu unterscheiden sind: residenzielle und zirkuläre Mobilität. Residenzielle Mobilität umfasst Formen wie Umzug innerhalb eines Landes, Migration, Auslandsentsendung, Transmigration und andere Formen, die mit einer dauerhaften oder temporären Verlagerung des Wohnsitzes verbunden sind. Zirkuläre Mobilität umfasst alle Formen, die von einem stabilen Lebensmittelpunkt aus erfolgen. Dazu gehören tägliches Fernpendeln, Wochenendpendeln, häufige Dienstreisen mit längeren Abwesenheiten vom Wohnort, Saisonarbeit und die so genannten Fernbeziehungen, das heißt Partnerschaften mit getrennten Haushalten. Durch berufliche Mobilität entstehen mobile Lebensformen. Die am stärksten verbreiteten werden kurz vorgestellt: - Wochenendpendler Shuttlers: Personen, die unter der Woche allein an ihrem Arbeitsort leben und die Wochenenden am Ort des »Familienhaushalts« verbringen.
- Fernpendler: Um den gemeinsamen Wohnort des Paares oder der Familie zu erhalten, werden lange Anfahrtswege zur Arbeit in Kauf genommen. Das Pendeln erfolgt in der Regel täglich, die Fahrzeit für den Hin- und Rückweg beträgt mindestens zwei Stunden.
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