Flexible-Unternehmen
Risikofaktor demografischer Wandel
Generationenvielfalt als Unternehmensstrategie     
Alternsgerechte Qualifizierung
 
Kathrin Elmerich; Dorothee Karl; Peter Knauth
 

Der Personalabbau älterer Mitarbeiter und jugendzentrierte Personalentwicklungsstrategien werden dem demografischen Wandel und den damit verbundenen Konsequenzen nicht gerecht. Verschiedene Studien untersuchen, welche Konzepte zur Qualifizierung älterer Mitarbeiter erfolgreich sind.


In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • wie sich das Lerngeschehen im Alter ändert,
  • welche Lernhemmnisse auftreten können,
  • wie ein Konzept zur Unterstützung der Qualifizierung Älterer aussehen könnte.

 

Einführung

Das Thema Qualifizierung im Alter gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Der Hauptgrund für diese Tendenz ist die demografische Entwicklung. Ein kurzer Blick auf die aktuelle und zukünftige Altersstruktur in den Betrieben verdeutlicht, welche Herausforderungen unweigerlich entstehen werden: Jüngere Generationen werden länger erwerbstätig bleiben müssen und somit werden die Begriffe Beschäftigungsfähigkeit, lebenslanges Lernen, selbstorganisiertes Lernen, Flexibilität durch Mehrfachqualifikation zum einen zunehmend bedeutender und zum anderen zeigen sie die Notwendigkeit auf, bisherige Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen im Hinblick auf die qualitative Erfüllung der neuen resultierenden Anforderungen detailliert zu betrachten. Der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften ist ein drängendes Problem, dass sich durch den demografischen Wandel in Zukunft vermutlich über den gesamten Arbeitsmarkt erstrecken wird. Dieser Entwicklung muss präventiv begegnet werden. Die proaktive Vermeidung der Risiken muss durch gezielte Entwicklung der Potenziale und Kompetenzen der älteren wie auch der jüngeren Mitarbeiter erreicht werden. Bislang wurden jedoch oftmals nur die jüngeren Mitarbeiter konsequent weitergebildet. Diese häufige Ausgrenzung älterer Menschen führte zur Lernentwöhnung dieser Personengruppe. Aufgrund einer großen, zeitlichen Distanz zwischen Erstausbildung und späteren Qualifikationen sind Lernstrukturen und -techniken meist nur fragmentarisch vorhanden [36]. Ältere Bildungsgewohnte hingegen verfügen über unterschiedliche Lerntechniken und weisen unterschiedliche Lerngewohnheiten auf. Insbesondere nutzen ältere Lernende ihre Erfahrungen und versuchen, an bereits bestehendes Wissen anzuknüpfen.

Mit der notwendigen alternsorientierten Neubetrachtung der Zielgruppe Lernender müssen zudem Trainingskonzepte, Methoden und Einstellung der Lehrenden gegenüber älter werdenden Lernenden hinsichtlich ihrer Konsequenzen bezüglich der veränderten Anforderungen neu betrachtet werden. Zentrale Themen dieses Beitrags sind daher: Vorstellung des zentralen Begriffs des Lernens, die Betrachtung des Lerngeschehens und der alternsbezogenen Besonderheiten wie auch die Berücksichtigung der zentralen Aspekte in einer alternsgerechten Konzepterstellung für eine adäquate Lehr-Lernsituation in der Praxis.

Henry Ford 1863 1947

»Nimm die Erfahrung und die Urteilskraft der Menschen über 50 heraus aus der Welt, und es wird nicht genug übrig bleiben, um ihren Bestand zu sichern.«

Der zentrale Begriff Lernen

Entgegen früherer Theorien und Annahmen wird Lernen als Abgleich erstellter Hypothesen mit der Umwelt nicht mehr als vorab objektiv bestimmbar, sondern als aus unterschiedlichen und individuellen Faktoren resultierend angesehen.

Daraus folgt, dass dem Lernenden Subjektivität und somit auch eine aktive Rolle zugesprochen werden muss. Die Selbstverantwortung jedes Individuums tritt in den Vordergrund mit der Aufforderung, das eigene Lernen nicht nur auf die Aneignung von aktuell benötigten Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern auch auf Möglichkeiten der Selbstentfaltung auszurichten. Lernen ist demnach keine bloße Nachahmung, sondern durch die Erfahrungen des Individuums und seine Kreativität gekennzeichnet.

Lernen ist somit ein bewusster oder unbewusster Veränderungsprozess, der sich auf alle Bereiche des Menschen bezieht. Da dieser Prozess vielen Einflüssen unterliegt, ist eine multiperspektivische Betrachtungsweise hilfreich und notwendig. Daher wird im folgenden Text das Lernen aus der kognitiven, der emotionalen und handlungsbezogenen Perspektive betrachtet und erläutert.

Lernen und Alter

Lernen als bewusst oder unbewusst stattfindender, nicht vordefinierbarer, lebenslanger Prozess, ist eine auf den subjektbezogenen Voraussetzungen und Einwirkungen der Umwelt beruhende Veränderung geistiger und körperlicher Eigenschaften. Denn es gibt nicht die klassische Lern- und Berufsbiografie, da mit zunehmendem Alter die interindividuelle Streuung diesbezüglich zunimmt siehe Abb. 1.

Basis für ein alternsgerechtes und individuumorientiertes Konzept ist folglich die Betrachtung des Lerngeschehens aus verschiedenen Perspektiven, das Aufzeigen von möglichen Lernhemmnissen sowie der daraus resultierenden Einflussgrößen auf den Lernprozess.

Abb. 1:

Neue Modelle der Berufsbiografie nach [33]

Multiperspektivische Betrachtung des Lerngeschehens

Kognitive Perspektive

Bislang bestätigen Forschungsergebnisse, dass kein signifikanter Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit und chronologischem Alter besteht [6].

Zum Teil können veränderte zentral-nervöse Prozesse beobachtet werden, die unter Umständen zu einer Verlangsamung des Lerntempos, der Reaktionszeit und Leitungsgeschwindigkeit führen [36; 31]. Mögliche Ursachen für diese Verlangsamung können fehlende Anlässe sein, gewisse Gedächtnisinhalte tiefer verarbeiten zu müssen oder diese überhaupt zu verwenden.

Zudem kann eine geringere Effektivität des Arbeitsgedächtnisses Sekundärgedächtnis, also eine abnehmende Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses bei lernungewohnten Menschen beobachtet werden [31; 6]. Des Weiteren können die Gedächtnisleistungen und somit die Lernleistungen durch eine verteilte Konzentration störanfälliger sein [13; 15] als bei Lerngewohnten.

Keine biologischen Veränderungen sind hingegen bei der Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit bezogen auf die Speicherung im Langzeitgedächtnis zu beobachten, wenn sich der ältere Mensch nicht mit völlig neuen Merkmalen einer Lernsituation konfrontiert sieht. So konnten Chase und Ericsson [8] in ihrer Studie mit erwachsenen Probanden eindeutig nachweisen, dass eine eventuell nachlassende Merkfähigkeit durch eine bessere Organisation des Speichervorgangs kompensiert oder sogar deutlich verbessert werden kann. Basis dieser Studie ist die »skilled-memory«-Theorie, die durch drei Merkmale charakterisiert ist [21]:

  • a Bedeutungshaltiges Enkodieren Bedeutungshaltige Informationen werden durch Assoziationen mit bereits abgespeichertem Material in die Wissensstruktur des Langzeitgedächtnisses eingearbeitet.
  • b Geordnete AbrufstrukturNicht nur Inhalte werden abgespeichert, sondern gleichzeitig auch Hinweise, die zum Wiederauffinden des gespeicherten Materials nötig sind.
  • c GeschwindigkeitserhöhungJe häufiger und intensiver gespeicherte Informationen abgerufen werden, umso schneller stehen diese Informationen zur Verfügung.

Die Entscheidung, ob die einströmenden Informationen im Langzeitgedächtnis dauerhaft gespeichert werden sollten, wird vor allem mit Hilfe der folgenden Fragen getroffen:

  • Sind die Informationen
  • außerordentlich intensiv,
  • von außerordentlichem Interesse,
  • derart, dass sie an Bekanntes anschließen können?

Diese selektiven Fragen verdeutlichen, dass die kognitive Verarbeitung immer ein individuelles Geschehen ist. Jeder Mensch nimmt eine Situation unterschiedlich wahr und aufgrund der längeren Lernbiografie älterer Lernender kann die Beurteilung hinsichtlich der Bedeutung des Lernmaterials interindividuell stark differieren. Auch die Frage, ob das neue Informationsmaterial an Bekanntes anschließen kann, zeigt, dass bereits abgespeicherte Informationen einen großen Einfluss auf den Speicherungsprozess haben. Die unterschiedliche Lernhistorie ist somit eine Hauptursache für interindividuelle Differenzen. Ferner wird deutlich, dass Erfahrungswissen, welches sich in der Lernhistorie entwickelt, nicht nur eine Anhäufung von Wissen ist, sondern in erster Linie die Organisation des Zugangs zu Informationen regelt [1].

Emotionale Perspektive

Im Lernprozess spielen zudem Emotionen eine immens wichtige Rolle. »Am Anfang jedes Erfahrungsprozesses steht der Erlebnisstrom des Einzelnen«, [9, S. 11] beziehungsweise die »Wahrnehmungsinhalte des Individuums sowie deren Verarbeitung und Verknüpfung« [12, S.236], oder anders formuliert das stetige Umweltgeschehen des Individuums.

Ein zentraler Ausgangspunkt im Lernprozess ist die sinnliche Wahrnehmung. Die sensorische Aufnahme von Informationen kann je nach Tätigkeit auditiv, visuell, haptisch, olfaktorisch oder gustatorisch erfolgen. Die komplexe sinnliche Wahrnehmung ist zusätzlich eingebettet in eine »emotionale Beziehung« und »subjektive Nähe« zur Umwelt [3, S. 78]. Im Lern- und Arbeitsprozess erlebt der ältere Lernende gleichsam eine Einheit zwischen Subjekt und Objekt. So werden auch materielle und ideelle Dinge als nicht vollständig berechenbar, sondern als »lebendig« und »sich selbst steuernd« wahrgenommen. Folglich wird der Umgang zum Beispiel mit der Maschine weniger als eine »instrumentelle Nutzung«, sondern eher als eine gemeinsame »Kooperation« verstanden [3]. Genau dieses empathische Einfühlen in eine Situation wurde bereits von Dreyfus und Dreyfus [10; 11] unter der Bezeichnung »Intuition« als die Fähigkeit bezeichnet, die bei einem Experten für seine überlegene Performanz verantwortlich ist.


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Dr. rer. pol. Kathrin Elmerich

Dr. Kathrin Elmerich ist bei der ThyssenKrupp AG im Zentralbereich Human Resources tätig. Im Jahr 2006 promovierte sie an der Universität Karlsruhe (TH). Am dortigen Institut für Industriebetriebslehre und Industrielle Produktion, Abteilung Arbeitswissenschaft, war sie nach ihrem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens, Fachrichtung Unternehmensplanung, als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Praxis waren alternsgerechte Qualifizierung, Diversity Management, arbeiten in virtuellen Strukturen, Employability und innovative Arbeitszeitgestaltung.
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Dorothee Karl

Dr. Dorothee Karl ist zuständig für den Bereich Arbeitsmarkt in der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. Sie promovierte und habilitierte an der Universität Karlsruhe (TH), Institut für Industriebetriebslehre und Industrielle Produktion, Abteilung Arbeitswissenschaft, wo sie als wissenschaftliche Angestellte und Projektleiterin für die Themenbereiche Demografischer Wandel, Arbeitsfähigkeit, Lebenslanges Lernen, Alternsgerechte Arbeitsgestaltung und Diversity in Forschung und Praxis verantwortlich war. Das Studium der Psychologie absolvierte sie an der Universität Mannheim.
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Prof. Dr.-Ing. Peter Knauth

Prof. Dr.-Ing. Peter Knauth ist Leiter der Abteilung Arbeitswissenschaft, Institut für Industriebetriebslehre und Industrielle Produktion (IIP), Universität Karlsruhe (TH). Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeitszeit, Human Resource Management (zum Beispiel alternde Belegschaft, Diversity Management, Work Life Balance) und neue Organisationsformen (zum Beispiel Arbeit in virtuellen Strukturen).
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