Die Gesundheitssituation von Führungskräften: Zwischen Leistungsdruck und VorbildfunktionDie Gesundheit der Führungskräfte entspricht nicht nur einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens [4], sondern hat auch bedeutsame Auswirkungen auf die Gesundheit der im Unternehmen beschäftigten Angestellten. Führungskräfte, die selbst gesund sind und sich körperlich wohl fühlen, sind wesentlich besser in der Lage, Führungsaufgaben wahrzunehmen und gesundheitsförderliches Führungsverhalten zu zeigen [5, 6]. Daher ist ein Verständnis der Einflussfaktoren auf die Gesundheit von Managern und Führungskräften von großer Bedeutung. Ferner besteht die Relevanz des Gesundheitsverhaltens von Führungskräfte in der Vorbildfunktion, die sie für ihre Mitarbeiter haben [6]. Es liegt in der Natur der Sache, dass Entscheider von Gesundheitsaktivitäten immer auch zunächst selbst im Fokus stehen und damit als Vorbild agieren. Führen Unternehmen Fitnessprogramme ein, und die Führungskräfte fallen durch Nichtbeachtung solcher Angebote auf, wird das Interesse schwinden. Werden Naprooms eingeführt für Mitarbeiter, die durch einen kurzen Mittagsschlaf ihre Leistungsfähigkeit für den späten Nachmittag fördern können, wird niemand in solchen Räumen anzutreffen sein, wenn der Chef darüber die Nase rümpft. Wie also stehts um die Gesundheit in Deutschlands Chefetagen? Wie krank sind unsere Manager selbst und was benötigen sie, um gesund zu bleiben? In diesem Beitrag wird erstmals über die Ergebnisse der größten deutschen wissenschaftlichen Studie zur Gesundheit von Führungskräften SHAPE-Studie berichtet. Die SHAPE Studie: Überprüfung des Mythos »Managerkrankheit«Die Arbeitsanforderungen, die Manager und Führungskräfte bewältigen müssen, werden häufig als überaus belastend und stressauslösend beschrieben [1, 2]. Ausgehend von der Annahme einer im Vergleich zu den übrigen Berufsgruppen stark erhöhten Stressbelastung, werden Manager und Führungskräfte als Hoch-Risikogruppe stressbedingter Krankheiten betrachtet. Dieser angenommene, enge Zusammenhang zwischen der hohen Arbeitsbelastung einerseits und dem stark erhöhten Risiko stressbedingter Erkrankungen andererseits, schlägt sich in einem Eintrag im Brockhaus-Lexikon nieder. Dort wird die »Managerkrankheit« als »volkstümliche Bezeichnung für eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems mit vegetativen Störungen infolge dauernder körperlicher und psychischer Überbeanspruchung« definiert [3]. Bei einer genauen Betrachtung dieser Definition der »Managerkrankheit« wird deutlich, dass die Definition auf drei Annahmen beruht: - Führungskräfte erleben deutlich mehr Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und deutlich mehr vegetative Störungen als die Allgemeinbevölkerung.
- Führungskräfte erleben deutlich mehr chronische körperliche und psychische Überbeanspruchung Stress als die Allgemeinbevölkerung.
- Chronische Überbeanspruchung Stress ist ein kausaler Faktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf Erkrankungen und vegetativen Störungen.
Ein Ziel der SHAPE-Studie Studie an beruflich hoch ambitionierten Persönlichkeiten ist die wissenschaftliche Überprüfung des »Mythos Managerkrankheit« sowie dessen zu Grunde liegender Annahmen. Die SHAPE-Studie stellt für den deutschsprachigen Sprachraum Deutschland, Österreich, Schweiz die bisher umfangreichste wissenschaftliche Studie an Managern dar. Studienteilnehmer waren knapp 500 Führungskräfte des mittleren und oberen Managements, die einen umfangreichen Fragebogen zur Selbstauskunft ausfüllten. Der Fragebogen umfasste mehr als 500 Fragen zur Messung des aktuellen und habituellen Gesundheitszustandes, beruflichen und privaten Belastungen bzw. Arbeits- und Lebensbedingungen, Persönlichkeitseigenschaften sowie zur Work-Life-Balance. Ferner wurden gesundheitliche Schutzfaktoren wie gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen und protektives Gesundheitsverhalten erfasst. Aufgrund der Vielzahl der erfassten gesundheitsrelevanten Variablen lässt sich mit der SHAPE-Studie der »Mythos Managerkrankheit« wissenschaftlich untersuchen und feststellen: - ob bei Führungskräften tatsächlich eine höhere Prävalenz stressbedingter Erkrankungen vorherrscht als in der Normalbevölkerung,
- ob Herzprobleme typische »Managererkrankungen« sind
- ob Führungskräfte tatsächlich einer stärkeren Stressbelastung ausgesetzt sind als die Normalbevölkerung
- ob chronische Überbeanspruchung tatsächlich zu einer Gefährdung der Gesundheit beiträgt oder ob Umweltfaktoren bei der Arbeit und im Privatleben existieren, die Führungskräften helfen, die hohen Arbeitsanforderungen mit ihren gesundheitsgefährdenden Potenzialen effektiv abzupuffern.
Körperliche Gesundheit bei deutschen ManagerInnenIn der SHAPE-Studie wurden mehrere inhaltlich distinkte Messinstrumente zur Beurteilung der körperlichen Gesundheit eingesetzt, die es erlauben, die Gesundheit von Führungskräften in ihren unterschiedlichen Dimensionen zu erfassen. Wichtig war uns von Anfang an zu unterscheiden zwischen einerseits manifestierten, das heißt mit den Methoden der modernen Medizin zum Beispiel mittels Labor oder Röntgen nachweisbaren Erkrankungen und andererseits vielfältigen Befindlichkeitsstörungen, die aber keinen Niederschlag in Form pathologischer Befunde haben. Wenn man langjährig Vorsorgeuntersuchungen Check-ups durchführt, ist das Ergebnis häufig medizinisch unauffällig, aber dennoch liegt eine verminderte Befindlichkeit zum Beispiel durch Schlafstörungen oder Schmerzsyndrome vor. Wir verwendeten den Giessener Beschwerdebogen GBB-24 [7], der körperliche Beschwerden erfasst und die Bestimmung der Höhe des globalen körperlichen Beschwerdedrucks wie Erschöpfung, Magen-, Glieder- und Herzbeschwerden erlaubt. Dabei ist zu beachten, dass der GBB-24 keine Symptomliste ist, mit deren Hilfe organische Krankheiten zu diagnostizieren sind. So konnten bisherige Forschungsergebnisse zeigen, dass die Nennung subjektiver Beschwerden im GBB-24 kaum mit medizinischen Befunden korrelierte [8]. Inwieweit Befindlichkeitsstörungen später zu manifestierten Krankheiten führen ist also unklar und ein wichtiger Aspekt aktueller Stressforschung. Von einem Automatismus sollte man jedoch nicht ausgehen, so dass der Bereich der Befindlichkeitsstörungen zunächst als eigenständige Beeinträchtigung einer aktuellen Gesundheitseinschätzung betrachtet werden sollte. Deshalb schlagen wir vor, analog zur Gesundheitsdefinition der WHO »Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, mentalen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Schwäche« das Thema Gesundheit aus zwei zunächst getrennten Blickwinkeln zu betrachten: - erstens den Bereich manifestierter Krankheiten bzw. Risikokonstellationen, die nachweisbar zu solchen Krankheiten führen, und
- zweitens den Bereich Wohlbefinden, in dem Befindlichkeitsstörungen und psychosoziale Faktoren dominieren.
Der GBB-24 scheint sehr geeignet, um körperliche Beschwerden zu erfassen, die psychosomatisch bedingt sind. Der GBB-24 wird durch den Fragebogen zur habituellen körperlichen Gesundheit FHKG [8] ergänzt. Der FHKG wurde eingesetzt, um die Auftretenshäufigkeit manifester körperlicher Krankheiten zu erfassen. Im FHKG werden somit »harte« medizinische Daten erhoben. Weiterhin erfasst der FHKG krankheitsbezogene Konsequenzen, die globale subjektive Einstufung der Gesundheit und der körperlichen Fitness. Der eher »weiche« Bereich Befindlichkeitsstörungen dominiert inzwischen die Fehlzeitenstatistik [16]. Insofern erscheint die Frage zunehmend wichtig, mit welchen »Therapien« , also Maßnahmen und Programmen, man in diesem Bereich »heilen« kann und ob hier weitergehende Ansätze notwendig sind als klassische Gesundheitspräventionsprogramme, die zum Beispiel auf Ernährung und Bewegung zielen. Befindlichkeitsstörungen: Vergleich deutscher ManagerInnnen mit der AllgemeinbevölkerungFür den GBB-24 liegen geschlechtsspezifische Normierungen für die deutsche Allgemeinbevölkerung vor. Daraus ergibt sich die Möglichkeit zu überprüfen, ob sich die Höhe der durchschnittlich berichteten körperlichen Beschwerden in dem Kollektiv der Führungskräfte signifikant von der Beschwerdelast der deutschen Allgemeinbevölkerung unterscheidet. Bei einem Vergleich mit der deutschen Allgemeinbevölkerung wurde deutlich, dass es nötig ist, zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften zu unterscheiden. Bezogen auf den insgesamten körperlichen Beschwerdedruck gibt es einen deutlichen Geschlechtseffekt. Während die untersuchten männlichen Manager über tendenziell weniger körperliche Beschwerden als ein durchschnittlicher deutscher Mann klagen, berichten weibliche Führungskräfte über einen signifikant erhöhten körperlichen Beschwerdedruck im Vergleich zur weiblichen Allgemeinbevölkerung vgl. Abbildung 1. Vor allem weibliche Führungskräfte scheinen gemäß den Ergebnissen zum GBB-24 eine vulnerable Personengruppe für körperliche Beschwerden und Missempfindungen darzustellen. Körperliche Beschwerden insgesamt: Vergleich weiblicher und männlicher Manager mit der deutschen Allgemeinbevölkerung. [Die Leseprobe endet hier] |